|
Von Dr. Rüdiger Joppien, Kurator Jugenstil und Moderne des Museums für
Kunst und Gewerbe in Hamburg
Sammler und Liebhaber des Jugendstils verehren ihn. Museen und Privatsammler
zählen seine Gläser, Lampen und Fenster zu ihrem kostbarsten Besitz: Louis Comfort Tiffany, Meister der
Glaskunst.
Am 18. Februar 1848 in New York als Sohn des Schmuckhändlers und Juweliers Charles
Lewis Tiffany geboren, entschied er sich gegen die väterliche Firma und für eine Künstlerlaufbahn. Die
Landschaftsmaler George Inness und Samuel Coleman wurden seine Lehrer, Studienreisen führten ihn nach Europa und
Nordafrika. Die Gemälde und Zeichnungen, die Tiffany unter anderem auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876
präsentierte, machten ihn in Amerika rasch bekannt. Doch zog es ihn bald zu neuen Aufgaben. Als Mitglied der
'Associated Artists' gründete er 1879 ein Einrichtungsstudio, das einen neuen Wohn- und Lebensstil propagierte.
Bedeutende Aufträge waren die Einrichtung des Wohnhauses von Mark Twain (1882) oder die Umgestaltung von
Räumen des Weißen Hauses unter Präsident Chester Alan Arthur (1883).
Glas förmlich zum Leuchten gebracht Für die Beleuchtung der Räume
spielten Glasfenster eine große Rolle. Die Technik der Farbglasfenster war seit dem Mittelalter gleich geblieben:
Als Träger für die Bemalung verwandte man monochromes Antikglas. Tiffany, den Farbe und Licht schon als Maler
fasziniert hatten, wollte dagegen nicht auf, sondern mit Glas malen. Er entwickelte eine Fülle von Tönungen
und Beimischungen, die das Material leuchtender, differenzierter und ausdrucksstärker machten. Unter dem Namen
Opaleszentglas wurde es weltweit bekannt. 1885 gründete er die Tiffany Glass Company, die vor allem Kirchenfenster
ausführte.
Als Glaskünstler war Tiffany Entwerfer und Handwerker, Experimentator und
Fabrikant, den Ruhm und Anerkennung lebenslang begleiteten. Die Weltausstellung 1893 in Chicago markierte den ersten
Höhepunkt seiner Karriere, als er neben Farbglasfenstern, Lampen und mundgeblasenen Ziergläsern eine mit
Fenstern und Mosaiken ausgestattete romanisch-byzantinische Kapelle ausstellte. 54 Preise wurden seinem Unternehmen
zugesprochen.
Anfang der 80er-Jahre hatte Thomas Edison die Glühbirne und damit das elektrische
Licht entdeckt, dessen Möglichkeiten Tiffany begeisterten. Fortan arbeitete er an einem Beleuchtungskonzept, das
sich von traditionellen Lichtquellen wie Kerosin oder Petroleum grundlegend unterschied. Geblasene Kugeln und
mosaikartige Schirme, die das Licht stimmungsvoll filterten und verteilten, wurden ein wichtiges Experimentierfeld. Der
Betrachter war beeindruckt von der Schönheit einer Glyzinien-, Päonien- oder Lilienlampe. Ihre
verklärenden Darstellungen der Pflanzenwelt waren wichtig für die Akzeptanz des elektrischen Lichts
überhaupt, milderten die Skepsis vor der Technik, machten die Helle sanft und erträglich.
Tiffanys Teilnahme an der Weltausstellung in Paris 1900 war ein großer Erfolg
beschieden. Europa begrüßte seine Kunst - vor allem wegen der heiß- bzw. mundgeblasenen
Hohlgläser, die man als Alternative zur europäischen Glaskunst etwa eines Emile Gallé verstand. Den
Boden für die Anerkennung hatte der aus Hamburg stammende Kunsthändler S. Bing bereitet, der seit 1894 von
Paris aus als Agent Tiffanys tätig gewesen war und mit vielen kunst-gewerblichen Museen Europas Kontakt
aufgenommen hatte. 1896 erwarb auch der Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, Justus Brinckmann,
seine erste Tiffany-Vase.
Inspiration aus der Pflanzenwelt War die künstlerische Beziehung
zwischen Europa und Amerika bisher eine Einbahnstraße zu Gunsten Europas gewesen, so veränderte Tiffany die
Richtung. Niemand Geringerer als der Generaldirektor der Berliner Museen, Wilhelm von Bode, war überzeugt, dass
gerade der Mangel an Tradition, der unbändige Pioniergeist und der Drang nach Perfektion Amerika
prädestinierten, auch international als Kulturnation hervorzutreten. So gehörte Bode in Europa zu den ersten
Bewunderern Tiffanys.
Museen, die bis 1900 noch keine Tiffany-Objekte erworben hatten, holten dies auf der
Weltausstellung nach. Bald erwiesen rund 30 Häuser, von Paris bis St. Petersburg, von Stockholm bis Zürich,
dem New Yorker Künstler ihre Reverenz.
Mit seinen Hohlgläsern betrat Tiffany Neuland. 1892 hatte er die Tiffany Glass and
Decorating Company gegründet und in Corona auf Long Island eine Hütte errichtet. Hier fertigte er
hochqualitative Glasmalereien und experimentierte mit mundgeblasenem Heißglas. Aus dem englischen Stourbridge
angeworbene Glasbläser realisierten Gefäße von einfacher, elementarer Formgebung, die zum Teil
römischen, orientalischen und fernöstlichen Vorbildern entlehnt waren. Zu den Spezialitäten der
Hütte zählten von antiken Bodenfunden inspirierte Lüster- und lrisbildungen, gekämmte Fadenmuster,
Pfauenfeder- und Blattdekore, Marmorierungen und Wellenmuster. Tiffany fasste seine glastechnischen Erfindungen 1894
als 'Favrile'-Glas (abgeleitet aus dem altenglischen fabrilis = handgearbeitet) zusammen.
Gläser wie diese hatte die Welt noch nicht gesehen. In Europa war es üblich,
ofengeformte Stücke nach dem Erkalten durch Schnitt, Schliff oder Bemalen mit Emailfarben zu veredeln. Tiffany
aber lehnte die 'kalten' Techniken ab, ließ alle Formen und Dekore bei der Arbeit am Ofen herstellen, was
größte Geschicklichkeit erforderte. Viele Details entstanden spontan, kein Glas glich dem anderen. Trotz
aller Kontrolle im Entwurf waren Tiffanys Stücke deshalb immer auch Ergebnis inspirierter Zufälle.
Ruhm und Anerkennung in aller Welt Tiffanys Leben und seine
künstlerische Laufbahn waren durchgehend von Erfolg gekrönt. 1900 stand er im Zenit der internationalen
Anerkennung. Mit Glasfenstern war er in den USA führend, seine Ziergläser eroberten Europa, und in Corona
hatte er soeben eine umfangreiche Lampenproduktion begonnen. Später behauptete er glaubhaft, letztere sei
Nebenprodukt seiner Glasfenster gewesen, denn so habe er die Reste verarbeiten können. Für
Lampenfüße und -fassungen sowie für Leuchter hatte er eine Bronzegießerei, für
Kleingerät eine Email-Abteilung errichtet. 1900 fasste er sämtliche Werkstätten zu den 'Tiffany Studios'
zusammen.
1902 starb sein Vater Charles Lewis Tiffany und hinterließ dem Sohn ein
Millionenerbe. Tiffany, der an der väterlichen Schmuck- und Silberwaren-Firma Tiffany & Co. bisher nicht
beteiligt gewesen war, wurde Vize-Direktor und künstlerischer Leiter. Bald waren die Tiffany Studios und Tiffany
& Co. die größten Einrichtungs- und Werkstättenbetriebe Amerikas. Noch heute ist Tiffany & Co.
auf der Fifth Avenue jährlich das Ziel von Millionen Besuchern.
Mit Ausbruch des 1. Weltkriegs kündigte sich eine neue Epoche an, die das Ende des
Jugendstils besiegelte und den Studios schwer zu schaffen machte. 1918 zog sich Tiffany, 70-jährig, zurück
und gründete eine Stiftung zur Förderung junger Künstler. Die letzten Jahre verbrachte er auf seinem
Landsitz auf Long Island, wo er sich wieder der Malerei sowie dem Sammeln ostasiatischer und indianischer Kunst
zuwandte. Am 17. Januar 1933 verstarb Louis Comfort Tiffany, nach einem künstlerisch außerordentlich
produktiven und geschäftlich höchst erfolgreichen Leben, im Alter von 85 Jahren.
Zurück zur Übersicht |